Harte Prüfung auf dem Meeresboden

Nur für Hartgesottene: Das Wattenmeer ist Unesco-Weltnaturerbe. Grund genug, diesen besonderen Lebensraum mit Wattführer Gerke Enno Ennen auf einer der härtesten Wattwanderungen an der Nordseeküste zu erkunden.

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er Himmel ist grau und wolkenverhangen, das Thermometer zeigt 14 Grad, es ist windig. Die Gruppe, die sich an diesem Freitagmittag auf dem Deich vor dem Dangaster Campingplatz in Varel trifft, ist deshalb klein.
Nur sieben Wagemutige sind gekommen, um heute mit Wattführer Gerke Enno Ennen zum Leuchtturm Arngast zu wandern. Was sie sich da vorgenommen haben, können die Gäste zu diesem Zeitpunkt wohl nicht wirklich einschätzen.
Das rot-weiße Bauwerk ist vom Deich aus gut zu sehen. Doch schon bevor es losgeht, hat ein Teilnehmer eine entscheidende Frage. „Da ist ja überall Wasser. Wie sollen wir denn da durchkommen?“ Und er hat Recht. Das Watt ist noch nicht zu sehen.
Doch das macht nichts. Denn die Wanderung führt zunächst einmal über den Deich. Zwischen den grasenden Schafen hindurch bahnt sich die Gruppe ihren Weg. „Da vorne müssen wir über den Zaun klettern“, kündigt Gerke Ennen an. Es wird nicht das einzige Hindernis bleiben.

Unberührt vom Menschen

Der Wattführer bleibt stehen und holt eine Karte hervor. „Wir befi nden uns hier im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer“, erklärt er. Der Deich, die Salzwiesen, das Wattenmeer – all das ist seit 1986 Nationalpark – also ein Großschutzgebiet. „Seit 33 Jahren unbeeinträchtigt von uns Menschen“, erklärt Ennen. Seit 1993 ist es außerdem Biosphärenreservat. Vor 13 Jahren hat dann die Unesco entschieden, das Wattenmeer aufgrund seiner Einzigartigkeit und Besonderheit als Weltnaturerbe anzuerkennen. „Zweimal am Tag haben wir hier das größte Fly-In-Restaurant der Welt“, sagt Ennen. Was er meint, ist die Möglichkeit für Vögel, sich bei Ebbe den Bauch mit allerlei Meeresbewohnern vollzuschlagen. Vor allem die Zugvögel nutzen diese Gelegenheit zweimal im Jahr – einmal im Frühjahr auf ihrem Weg aus dem Winterquartier im Süden in ihr Sommerquartier im Norden und auf dem Rückweg im Herbst. Sechs Millionen Zugvögel legen hier im Wattenmeer Rast ein, um sich für den langen und anstrengenden Weiterflug genügend Fettreserven anzufressen.
Weiter geht es über den Deich. Auf den Salzwiesen dahinter grasen einige Rinder. „Heute dürfen nur noch 15 Prozent der Salzwiesenflächen beweidet werden“, erfahren die Wanderer. Ein Zugeständnis der Nationalparkverwaltung an die frühere Nutzung der Ländereien. Die restlichen 85 Prozent bleiben sich selbst überlassen.
Das freut die Tier- und Pflanzenwelt. Zum Beispiel die Feldlerche, die gerade unüberhörbar in den Salzwiesen unterwegs ist. Der Bodenbrüter ist aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft in seinem Bestand bedroht. In den Salzwiesen ist er ungestört. So geht es vielen Arten.
Durch einen ausgewiesenen Wanderweg macht sich die Gruppe jetzt auf den Weg vom Deich durch die Salzwiesen in Richtung Watt – dort gilt ansonsten: Zutritt verboten! Gerke Ennen pflückt eine Pflanze ab und bietet sie zum Verzehr an. „Das ist der Queller. Schmeckt super im Salat“, sagt er. „Salzig – aber lecker“, bestätigt eine Wanderin. Der Geschmack rührt daher, dass sich die Pflanze regelmäßig mit Meerwasser vollsaugt. „Warum ist der Boden hier so schwarz?“, fragt eine Teilnehmerin, nachdem die Gruppe ein Stück weiter in Richtung Watt gelaufen ist. „Der Boden ist hier voller organischer Stoffe. Da ist kein Sauerstoff drin“, sagt Ennen und hält seinen Gästen eine Duftprobe unter die Nase. „Schwefel“, stellt ein Wanderer fest und rümpft die Nase.
Die Gruppe ist jetzt seit zweieinhalb Stunden unterwegs. Bis hierhin war der Weg unbeschwerlich. Doch das soll sich bald ändern. „Esst und trinkt noch mal was. Wir wollen uns gleich richtig anstrengen“, rät der Wattführer. Inzwischen hat das Wasser den Meeresboden freigegeben. Das Watt ist zum Vorschein gekommen. Beim Blick in Richtung Leuchtturm scheint das Ziel jetzt schon nah zu sein. Erste Schätzungen lauten: „In einer halben Stunde werden wir wohl da sein.“ Ein Trugschluss, der immer wieder dazu führt, dass Menschen in Seenot geraten. Denn der Eindruck täuscht. „Das sind jetzt noch fünf Kilometer und wir werden zweieinhalb Stunden unterwegs sein“, klärt Gerke Ennen sie auf.

Die erste Dreiviertelstunde dieser Strecke verlangt den Wanderern einiges ab. Nach Reden ist bald niemandem mehr zumute. Jetzt ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Und damit, in dem tiefen schlickigen Watt nicht stecken zu bleiben – oder bäuchlings darin zu landen. Wer keine Kondition hat, hat schwer zu kämpfen.

Seegras für die Könige

Immer mal wieder tauchen Grashalme am Boden auf. Seegras, das einmal den ganzen Meeresboden bedeckt hat. Durch die Seefahrt sei irgendwann ein Pilz aus Amerika eingeschleppt worden, der das Seegras nahezu vernichtet habe. Dabei war es einst die Existenzgrundlage ganzer Familien. „Das Seegras wurde an Königshäuser verkauft, wo man dann die Matratzen der Majestäten damit gepolstert hat“, erklärt Gerke Ennen. Immer weiter nähern sich die Wanderer jetzt dem Leuchtturm. „Da wo wir jetzt stehen, lag früher die Insel Arngast“, erzählt Gerke Ennen. Und die scheint bewaldet gewesen zu sein. „Das hier war in der Bronzezeit wohl mal eine Eiche“, sagt er und deutet auf eine massige Baumwurzel.
Auf dem Weg durchs Watt lernen die Wanderer auch viele Wattbewohner kennen. So wie die Strandkrabbe, den Einsiedlerkrebs, die Miesmuschel oder die pazifi sche Auster. Anders als es ihr Name vermuten lässt, ist auch sie seit etwa dreißig Jahren im Wattenmeer zu Hause – auch am Leuchtturm Arngast gibt es eine Austernbank. 1985 hatten Austernzüchter zum ersten Mal Drahtkörbe mit Austern bei Sylt ausgebracht. Einige büxten aus und begannen, sich im Wattenmeer zu verbreiten.
Die Gruppe muss jetzt einen Priel durchqueren. Mindestens bis zum Knie versinken die meisten darin. Im trüben Wasser geht jeder Schritt ins Ungewisse. Trotzdem schaffen es alle, einigermaßen trocken auf der anderen Seite anzukommen.
Und dann heißt es noch einmal „Zähne zusammenbeißen“. Denn die letzten Meter bis zum Leuchtturm haben es in sich. „Da werdet ihr noch mal dicke Backen machen“, hatte Gerke Ennen zuvor angekündigt. Und er soll Recht behalten. Das Watt ist hier noch schlickiger als zu Beginn der Wanderung.

Erschöpft aber glücklich

Fünf Stunden nachdem die Gruppe in Dangast aufgebrochen ist, kommt sie am Leuchtturm an. Und da kommt am Abend doch noch die Sonne zum Vorschein. Der Leuchtturm präsentiert sich den Wattwanderern wie zur Belohnung für ihre Mühen vor blauem Himmel in voller Schönheit. Zurück muss übrigens an diesem Tag niemand mehr laufen. Die Wattwanderer haben Glück und werden von einem Schiff eingesammelt. Die Touren zum Arngaster Leuchtturm, die Gerke Ennen in diesem Jahr noch anbietet, kündigt er allerdings zu Recht als „sehr schwer“ an. Denn die Teilnehmer müssen hin- und zurücklaufen. Insgesamt sieben Stunden dauert der Marsch, der am Ende zwar völlig erschöpfte aber glückliche Teilnehmer hervorbringt, die eine einzigartige Naturlandschaft auf ganz besondere Weise kennengelernt haben.

Alle Touren des Wattführers Gerke Ennen finden Sie online unter www.wattlopen.de.

Das Wattenmeer BesucherzentrumMit einer Pferdestärke ans Westend von Spiekeroog