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Nordsee-Urlaub-Magazin

Letzter Abschied auf See
© Imke Oltmanns
Wer jahre- oder gar jahrzehntelang seine Urlaube an der Nordsee verbringt, hegt nicht selten den Wunsch, für immer hierzubleiben. Nicht nur im Ruhestand, sondern auch nach dem Ableben. Seebestattungen in der Nordsee haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Wussten Sie, dass mittlerweile nur noch ein Drittel der Verstorbenen in Deutschland ganz klassisch in einem Sarg auf dem Friedhof beigesetzt wird? Zwei Drittel der Bestattungen sind inzwischen Einäscherungen, die Körper werden also in einem Krematorium verbrannt. Die Zahlen stammen vom Bundesverband Deutscher Bestatter, der ein Auge auf solche Trends hat. Mit der Einäscherung geht auch eine gewisse Wahlfreiheit einher: Sie ermöglichen eine ganze Reihe von Bestattungen, die sonst nicht möglich wären. Denn die in Urnen aufbewahrte Asche der Verstorbenen muss nicht zwingend auf einem Friedhof beigesetzt werden. Das ist zwar immer noch häufig der Fall; allerdings gibt es auch einen wachsenden Trend, die Urnen raus in die Natur zu bringen, in die Wälder zum Beispiel. Oder auf See. Die Reederei Albrecht in Harlesiel hat Seebestattungen zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Mit zwei Schiffen fahren sie täglich raus, um Urnen mit der Asche von Verstorbenen in der Nordsee zu bestatten. Sie werden an einem bestimmten Punkt zwischen den Inseln Spiekeroog und Wangerooge ins Wasser gelassen. Mehr als 1000 Verstorbene bringt die Familie Albrecht mittlerweile pro Jahr raus aufs Meer. Tendenz steigend. Der 38-jährige Benjamin Albrecht übernimmt das Geschäft von seinem Vater.

Ein Familienunternehmen

„Früher konnte ich mir das nicht so vorstellen“, erzählt Benjamin Albrecht bei einer Bestattungsfahrt auf See. Klar habe er den Wunsch gehabt, zur See zu fahren. Aber mit Trauernden zu tun zu haben, eine Trauerrede vor vielen Menschen zu halten – das schien dem jungen Mann doch recht fremd. „Aber in Ostfriesland gibt es ein Sprichwort: Doon deiht lernen“, sagt er auch. Übersetzt: Man lernt es beim Tun. Mittlerweile, sagt Albrecht, sei er ganz hineingewachsen und könne sich nichts anderes mehr vorstellen.

Albrecht lässt es an Würde und Haltung nicht fehlen, wenn er eine Bestattung vornimmt; auch nicht bei einer stillen Beisetzung wie dieser; also ohne Angehörige an Bord. Zwei Urnen stehen auf dem Achterdeck, als er eine kurze Trauerrede hält. Danach zieht er ein Seil durch einen Ring am oberen Ende der ersten Urne, hebt sie vorsichtig zur Reling und lässt sie dort langsam am Schiffsrumpf entlang ins Wasser gleiten. Gleich darauf folgt die zweite. Anschließend läutet Albrecht die blank polierte Schiffsglocke viermal – in der Schifffahrt das Signal für den Tod.

Die Urnen sind aus Muschelkalk und lösen sich innerhalb von zwölf Stunden auf. Länger als 24 Stunden darf dieser Prozess nicht dauern, so schreibt es das Gesetz vor. Die Urne soll schließlich nicht irgendwo angetrieben werden. Albrecht hat Fotos von der Urne auf dem Achterdeck gemacht und schickt sie noch während der Rückfahrt an die Hinterbliebenen, zusammen mit einer Seekarte, auf der der Bestattungsort markiert ist.

Brücke der Erinnerung

Die Reederei bietet den Hinterbliebenen aber noch etwas anderes: Einen ganz konkreten Anlaufpunkt für die Trauer. Das Problem mit einer Seebestattung ist, dass man nirgendwo hingehen kann, um der Verstorbenen zu gedenken. Die Urne ist im Meer verschwunden, man kann nirgends Blumen niederlegen oder Lichter entzünden. In der Reederei hat man das erkannt und am Rande des Hafens von Harlesiel einen Trauerort geschaffen. Es ist eine helle Holzkonstruktion, dem Heck eines Schiffes nachempfunden und heißt „Brücke der Erinnerung“. Über einen Holzsteg gelangt man auf eine Plattform, an deren Ende eine Bank steht. Von dort geht der Blick über Salzwiesen zu genau dem Ort zwischen den beiden Inseln, an dem die Urnen dem Meer übergeben wurden. Auf Stelen sind kleine Plaketten angebracht mit den Namen der Verstorbenen. In Urlaubszeiten und an Wochenenden ist dieser Ort stark besucht. Gleich neben der Bank hängt übrigens eine Schiffsglocke. Wer will, kann sie läuten. Als akustische Verbindung zu den Toten auf See. ¬

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