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Nordsee-Urlaub-Magazin

BOLLWERK GEGEN DIE STURMFLUTEN
© ub-foto– stock.adobe.com
Ohne Deich gibt es kein Leben und kein Land – das wissen die Küstenbewohner seit Jahrhunderten. Deswegen werden die Deiche gepfl egt und geschützt. Im Ernstfall kann davon das Leben abhängen.

Schafe sind die wichtigsten Mitarbeiter der Deichachten.

Wer meint, Ostfriesland habe keine wichtigen Bauwerke, der irrt. Und zwar gewaltig. Die Deiche, die sich kilometerlang an der Nordseeküste entlangziehen, sind die wichtigsten Bauwerke der ganzen Region. So unscheinbar sie mit ihren begrünten acht oder neun Metern Höhe auch wirken mögen – ohne sie gäbe es kein sicheres Leben an der Küste, nicht für die Einwohner, nicht für das Vieh und ganz sicher nicht für die Tausenden Besucher, die es jedes Jahr an die Strände zieht.
„Ohne Deiche wäre nur ein kleiner Teil Ostfrieslands sicher genug, um hier zu leben“, erzählt Jan Steffens, Obderdeichrichter der Deichacht Esens-Harlingerland. Sie ist eine von 23 Hauptdeichverbänden an der niedersächsischen Nordseeküste, die dafür verantwortlich sind, dass die Befestigungsanlagen stets in gutem Zustand sind; also fest genug, um Sturmfl uten zu trotzen. Denn ohne Deiche hätte die Nordsee freie Bahn. Beispiel: In der Krummhörn etwa oder im Moormerland, zwei Gemeinden im westlichen Ostfriesland, würde täglich zweimal das Wasser eindringen, wenn es die Deiche nicht gäbe. Auch Sturmfl uten hätten verheerende Folgen: Tod für Mensch und Vieh, Zerstörung von Land, Höfen und Häusern. Die Küstenbewohner bauen da auf Erfahrung: 1855, 1906, 1962, 1976 – alles Jahre mit schweren Sturmfluten und teils katastrophalen Folgen. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, den Wert der von den Deichen gesicherten Güter auszurechnen. Ergebnis: Die Deiche an der ostfriesischen Küste beschützen Werte in Höhe von rund 45 Milliarden Euro. Niedersachsenweit, so heißt es in dem NLWKN-Bericht weiter, liegt diese Summe sogar bei 129 Milliarden Euro. Die Summen beziehen sich auf Versicherungswerte, vor allem für Gebäude, Autos und Hausrat. Leib und Leben ist da noch gar nicht mit drin. Steffens selbst und die Mitarbeiter der Deichacht Esens-Harlingerland sind fast täglich an verschiedenen Deichabschnitten unterwegs, insgesamt sind es 29 Kilometer Seedeich und 25 Kilometer Schlafdeich, also die in der zweiten Reihe. Sie prüfen, ob irgendwo Schwachstellen entstanden sind, durch Kaninchen- oder Bisamrattenbaue, durch das jüngste Unwetter oder einfach durch lang anhaltende Hitze. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, finden sogenannte Deichschauen statt, bei denen ganz offi ziell mit Vertretern zahlreicher Behörden und Ämter geprüft wird. Dann sieht man größere Gruppe an den Deichen entlangfahren, man sieht sie aus den Bussen steigen, zu Fuß langsam den Deich empor-wandern, die Köpfe stets gesenkt. Mit Blicken und Schritten wird dann die Grasnarbe abgetastet, auf der Suche nach Unebenheiten, Rissen oder gar Löchern. Erst ganz am Ende, wenn alles in Ordnung ist, wird der Deich für „schaufrei“ erklärt.

Getrappel der Schafe

Die Grasnarbe auf dem Deich spielt eine große Rolle, sie ist so etwas wie die schützende Außenhaut. Und hier kommen auch die Schafe ins Spiel, „unsere wichtigsten Mitarbeiter“, wie Steffens sagt. Durch ihr Getrappel auf dem Deich verdichten sie den Kleiboden und durch ihr stetes Fressen halten sie das Gras schön kurz. Dabei sind die Tiere nicht wählerisch, wie Meinhard Edzards, Geschäftsführer der Deichacht Esens-Harlingerland, betont: „Sie fressen alles, was da wächst, so etwas brauchen wir am Deich.“ Heißt: Unkraut wird gleich mitvernichtet. Die Deichachten arbeiten eng mit den sogenannten Deichschäfern zusammen, die ihr Tiere in der Saison auf die verschiedenen Deichabschnitte bringen. „Wir bitten die Einheimischen und Gäste immer, die Schafe in Ruhe zu lassen“, sagt Edzards. Auch wenn das im Frühjahr angesichts der vielen kleinen Lämmer vielen schwer falle.

Langfristig denken

Küstenschützer müssen langfristig denken und der Deichbau ist kein ganz einfaches Projekt. Die große Frage lautet immer: Was jetzt gebaut und gepfl egt wird – wird es auch in 20 oder 50 Jahren noch reichen? „Die nächsten 100 Jahre haben wir den Küstenschutz im Griff“, sagt Deichrichter Steffens. Der ansteigende Meeresspiegel spiele in den Überlegungen der Deichachten aber natürlich eine Rolle: „In unserer Region beträgt der Anstieg etwa 20 Zentimeter pro Jahrhundert“, sagt er. Es sei aber wahrscheinlich, dass sich das beschleunige. „Gerade Küstenbewohnern darf der Klimawandel nicht egal sein“, so Steffens.

Klimawandel im Blick

Nach Angaben des NLWKN gibt es keine Häufung von Sturmfl uten durch den Klimawandel. Dabei bezieht sich die Behörde auf Aufzeichnungen des Pegels Norderney, wo seit mehr als 100 Jahren der Wasserstand erfasst wird. Unterschiedliche Sturmfl utaktivitäten seien nicht ungewöhnlich, heißt es. In den 1950er und 1960er Jahren habe es nur wenige Sturmfl uten gegeben, in den 1970er bis 1990er und den Jahren 2007 und 2008 dafür umso mehr. Die drei Sturmfl utjahre 2009 bis 2011 hingegen hätten mit jeweils drei Sturmfl uten wieder deutlich unter dem Durchschnitt von zehn Sturmfl uten pro Jahr gelegen. Der Meeresspiegelanstieg wird allerdings ernst genommen: Die Küstenschutzdeiche werden laut NLWKN künftig um zusätzliche 25 Zentimeter erhöht.

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