 Sehenswert: Die Schifferkirche in Carolinensiel. |
Zu Ostfrieslands größten
Kostbarkeiten gehören die
mittelalterlichen Kirchen. Besonders
die vielen romantischen und
kunstvollen Dorfkirchen gehören zu
den Sehenswürdigkeiten der Region.
Doch bis diese Relikte aus der
vergangenen Zeit in ihrer vollen
Pracht erschienen, mussten die Handwerker
viel Erfahrung sammeln.
Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert
sind in Frankreich, in Italien,
im Rheinland und im Westfälischen
beim Kirchenbau eine Vielzahl von
Handwerkern ausgebildet worden.
Diese Handwerker sind durch ganz
Europa gezogen, weshalb man an den
ostfriesischen Kirchen stilistische
Einflüsse aus diesen Regionen findet.
Zu sehen sind sogar maurische Ornamente,
zum Beispiel an der Kirche
von Werdum, die über Spanien und
Frankreich nach Ostfriesland gelangten.
Die Verwendung von Backsteinen
für den ostfriesischen Kirchenbau hat
ihren Ursprung in der Lombardei.
Backsteinkirchen finden sich im westlichen
Teil der ostfriesischen Halbinsel,
während im östlichen Granitquaderkirchen
stehen, die westlichste in
Middels. Die Verwendung von
Backstein ermöglichte den Auftraggebern
und Baumeistern, die Kirchen
auf vielfältige und immer andere
Weise zu verzieren, wobei die Verzierungen
zur Straßenseite oft deutlich
auffälliger sind als zur Ackerland-
Seite; ein Beispiel dafür ist die Kirche
in Victorbur. Allem Anschein nach
waren damals in Ostfriesland unterschiedliche
Bautrupps unterwegs.
Begonnen hat der Kirchenbau in
Ostfriesland im zehnten Jahrhundert.
Für fast alle heute zu bewundernden
Backstein- oder Granitquaderkirchen
gibt es Vorgängerbauten aus Holz.
Grabungen beweisen das. Wer
Auftragsgeber dieser erst Holz- und
dann Steinkirchen war, ist umstritten.
Einige sprechen von Adeligen, während
andere lieber das Wort Häuptlinge
verwenden. Bislang unerforscht
sind auch die Einflüsse der
Zisterzienser auf die Kirchbaukultur
in Ostfriesland. Bekannt ist jedoch,
dass die Zeit zwischen 1000 und 1200
eine Blütezeit auch in Ostfriesland
war, das damals über den Fernhandel
mit ganz Europa verbunden war.
Geschuldet ist diese Blüte, die ganz
Europa ergriff, unter anderem einer
lang anhaltenden Warmzeit, die hohe
Ernten ermöglichte und starkes
Bevölkerungswachstum zuließ. Um
1400, als die Temperaturen deutlich
absanken und insbesondere die Winter
eisig und lang wurden, wäre der Bau so vieler Kirchen kaum mehr
denkbar (bezahlbar) gewesen.
Heutzutage werden die Kirchen
auch liebevoll „Inseln der Ruhe“ genannt,
und das sind sie wirklich. Die
Kirchen versprühen eine ganze besondere
und andächtige Atmosphäre,
wodurch der Charme und das Flair
der Vergangenheit eingefangen wird.
Aber wenn man über Ostfrieslands
Kirchen spricht, dann darf man eine
weitere Besonderheit nicht vernachlässigen.
Orgelbauer wie Arp Schnitger,
der die Orgel in der Ludgeri-Kirche in
Norden baute, oder auch Gerhard von
Holy – von ihm stammen die Orgeln
in der St.-Bartholomäus-Kirche in
Dornum und die Marienkirche in
Marienhafe – machten Ostfriesland
vom späten 17. Jahrhundert an zu
einer Orgel-Landschaft mit Weltruf. |